2020 geht endlich zu Ende

29 Dezember 2020

Weihnachten ist vorbei, der Jahreswechsel steht vor der Tür, und wie immer wird es Zeit für meinen Jahresrückblick an dieser Stelle. Wie also war das Jahr 2020? Haha. Wie sich dieses Jahr für unseren gesamten Berufsstand und auch für alle anderen Solo-Selbständigen (ein Wort, von dem ich bis 2020 gar nicht wusste, dass es das gibt und das ich sogar sowas bin) und Freiberufler entwickeln sollte, hätte niemand vorhersagen können. Ich will jetzt gar nicht groß über die Corona-Krise und ihre Auswirkungen, besonders aber über die Folgen der desaströsen Krisenbewältigungsversuche unserer Bundesregierung, eingehen. Zigmal habe ich im Laufe dieses Jahres versucht, meine Meinung hierzu ausführlich und argumentativ gründlich untermauert darzulegen und aufzuschreiben. Und jedes Mal habe ich es doch gelassen. Teils aus Zeitmangel (das Berufsverbot kombiniert mit unterlassener Hilfeleistung seitens der Politik hat dazu geführt, dass ich noch mehr als gewohnt arbeite, um meine Familie ernähren zu können), teils, weil sich auch meine Meinung immer wieder geändert hat. Ja, auch ich bin am Anfang der Pandemie auf vermeintliche Experten hereingefallen, die alles als gar nicht so schlimm sahen. Natürlich habe ich gehofft, diese Leute könnten Recht haben. Dummerweise hat die Entwicklung der Zahlen (wobei die ganze Zahlenveröffentlichungspolitik ja auch vor Merkwürdigkeiten strotzt, aber das will ich jetzt hier nicht weiter ausführen oder kommentieren) ja hinlänglich bewiesen, dass leider die Schwarzseher von Anfang an wohl im Recht waren. Viele der ergriffenen Maßnahmen sehe ich dennoch kritisch, weil ich tatsächlich so ticke, dass ich zwar denke, ja, Leben muss geschützt werden, aber zum Begriff Leben zählt eben auch die Lebensqualität, und die wird gerade massiv zerstört, nicht nur für die Millionen Menschen, deren Existenz in Scherben liegt und die nicht wissen, wie es 2021 weitergehen soll, sondern auch für all die Menschen, die sich in (mehr oder weniger ferner) Zukunft wundern werden, wo denn all die Künstler und Kulturschaffenden geblieben sind. Aber lassen wir das, wer mich kennt oder mir in den sozialen Medien folgt, kennt meinen Standpunkt, und ich habe keine Lust mehr, mich allzu kritisch zu äußern, denn es gibt leider genug Idioten und Verschwörungstheoretiker, die jede noch so überlegte und fundierte kritische Stimme missbrauchen und sich dann noch mit dem rechten Abschaum gemein machen. Auch das habe ich leider vorhergesehen, als die Regierung mit ihren zu Beginn demokratisch nicht ausreichend legitimierten Maßnahmen begann, aber wir wollen ja nicht wieder abschweifen...
Meine Frau sagt immer, ich solle positiv denken. Nun denn, versuchen wir es. Was hat dieses Jahr neben all seinen existenziellen Sorgen an Positivem gebracht? Es gab mir die Gelegenheit, mich auf völlig unerwartete Weise fortzubilden und weiterzuentwickeln. Aus der Not heraus habe ich nicht nur während des ersten Lockdowns zig neue und durchaus nützliche Apps für Videokonferenzen kennengelernt, sondern konnte (bzw. musste) mich auch endlich mal in die professionelle Recording Software einarbeiten, die ich seit Jahren ungenutzt auf dem Rechner hatte. Begonnen hat es damit, dass ich einfach kleine Demos, Playbacks und Übefiles für meine Chöre und Schüler eingespielt habe. Mittlerweile produziere ich ein ganzes Album in meinem kleinen, aufgerüsteten Heimstudio. Zwei Stipendien haben mir die Möglichkeit gegeben, mich in all dem Wahnsinn wieder verstärkt meiner eigenen Musik zu widmen. Das genieße ich sehr und ich bin dankbar dafür; es ist nur ein wenig so wie mit Drogen: Einmal angefixt, will man mehr... Nun ja, mal sehen, wohin die Reise führt, große Pläne zu machen habe ich mir spätestens in diesem Jahr abgewöhnt. Es kommt ja ohnehin immer anders, als man denkt.
Die Pandemie und ihre Begleiterscheinungen haben zudem noch die "Nebenwirkung" mit sich gebracht, dass ich mich mehr auf die Dinge und auf die Menschen fokussiert habe, die mir wirklich wichtig sind. Ich war immer schon jemand, der ganz zufrieden damit war, in seinem Arbeitszimmer vor sich hinzuwerkeln. Natürlich war es erstmal eine Umgewöhnung, dass soziale Kontakte nicht mehr so ohne weiteres möglich sind, aber dieser Umstand erlaubte auch den unverstellten Blick darauf, welche Menschen man tatsächlich gar nicht in seinem Leben vermisst. Und welche eben doch. Es gibt jedenfalls eine Liste von Freunden, die ich unbedingt nach Ende des Lockdowns baldmöglichst wiedersehen möchte. Zugleich haben meine Familie und ich auch erfahren dürfen, wer wirklich solidarisch, teilweise mit völlig unerwartet großzügigen Gesten, teilweise (genauso wichtig) mit freundlichen, aufmunternden Worten seine Unterstützung angeboten hat und so an unserer Seite stand. Da gab es die eine oder andere Überraschung, für die ich unendlich dankbar bin.
Und Konzerte? Vom ausgiebigen Tournee-Leben habe ich mich ja schon letztes Jahr verabschiedet. Dass auch die noch geplanten Konzerte und Vorstellungen größtenteils ausfallen mussten, war bitter, denn wenngleich ich mehr von zu Hause aus arbeiten wollte, war es selbstverständlich eigentlich so gedacht, sorgfältig ausgewählte Liveauftritte mit Projekten und Programmen, die mir am Herzen liegen, weiterhin zu spielen, als Ausgleich für die Arbeit am Schreibtisch und weil es einfach ein essenzieller Bestandteil meines Berufs ist, wie ein Lebenselixier. Umso mehr habe ich die wenigen Gelegenheiten, an denen ich meinen Beruf in diesem Jahr live vor Publikum ausüben durfte, genossen. Ja, man lernte 2020 Dinge, die man bislang für selbstverständlich gehalten hat, neu und anders zu schätzen.
Einen Ausblick auf 2021 spare ich mir an dieser Stelle. Wie schon geschrieben, das macht eh keinen Sinn, wir müssen abwarten, wie die Situation sich entwickelt, und hoffen, dass die Politik nach Ende der Krise noch genug von uns übrig gelassen hat, um wieder ein funktionierendes, abwechslungsreiches Kulturleben aufzubauen. Sollte das der Fall sein, bin ich dabei. Ich hoffe, Ihr auch. Ich bedanke mich bei allen, die meinen Weg schon so lange mit Interesse, Sympathie, auch kritischem Geist und offenen Ohren begleiten. Ich wünsche Euch allen von Herzen nur das Beste für das kommende Jahr - möge es ein besseres, fröhlicheres, hoffnungsvolleres werden. Wir sehen uns irgendwann wieder, live und in Farbe, und dann singen wir uns gemeinsam all den Frust dieses Jahres von der Seele! Bleibt bitte gesund und vergesst nicht: Musik und Kultur sind Lebensmittel!

Solo-Album 2021: Work In Progress

18 November 2020

Wie ich schon im News-Bereich dieser Website bekanntgegeben habe, erlaubt mir das Land NRW, mit einem Stipendium an einem neuen Album zu arbeiten. So kann ich von den Fördergeldern die Produktionskosten decken, die ich ansonsten in der derzeitigen Situation nicht würde stemmen können. Als Bestandteil des Konzepts werde ich Euch an dieser Stelle in loser Folge über die Fortschritte auf dem Laufenden halten. Hier und da poste ich ergänzend auf meinen Social Media-Kanälen kleine Video- und Audiohäppchen, die den Produktionsprozess illustrieren und hoffentlich neugierig auf die neue Platte machen, deren Erscheinen ich für Mitte 2021 plane.
Worum geht es denn nun? Ich hatte ohnehin vor, nun, da ich vermehrt mit Band auftrete, endlich einmal ein neues Album zu produzieren. Die Pandemie machte unserer Probenarbeit natürlich ein vorläufiges Ende. Dank eines weiteren Stipendiums der Stadt Gelsenkirchen bin ich in der Lage, in freigewordener Zeit meinen kompletten Arbeitsprozess auf ganz neue, für mich ungewohnte, aber Corona-konforme Beine zu stellen. Ich habe mein Heimstudio aufgerüstet, arbeite mich in die Recording-Software Cubase ein und produziere fleißig Demos - mit dem Ziel, dass meine Band damit ihre Parts einstudieren und proben kann und für irgendwann hoffentlich wieder anstehende Live-Gigs gewappnet ist, auch ohne regelmäßige Proben. (Eine interessante Aufgabe DIESES Stipendiums ist es u.a. auch, mein früheres Solorepertoire auf bandtaugliche Titel zu durchforsten und sie mit neuen Liedern zu einem abendfüllenden Programm zu kombinieren... Damit bin ich bereits durch und ich kann es nicht erwarten, dass wir endlich wieder live mit Euch rocken dürfen!) Desweiteren entstehen laufend neue Songs, so dass das Album, das ich ursprünglich mal vor Corona geplant hatte, verschoben wird zugunsten der neuen Stücke. Es wird ein sehr persönliches, politisches Album, das natürlich auch die Zeit der Pandemie behandeln wird, aber darüberhinaus Fragen stellt, in welcher Welt wir künftig leben wollen und was wir alle dazu beitragen können. Klingt jetzt ziemlich groß, aber ich bin (immer schon und mehr denn je) der festen Überzeugung, dass Unterhaltung mit Haltung zu tun hat und es wieder verstärkt Zeit wird, dass Künstler sich in diesen wirren Zeiten positionieren.
Wo genau stehen wir im Produktionsprozess? Drei Songs sind komplett aufgenommen und befinden sich nun im Mixing-Stadium. Eine sehr spannende Aufgabe, bei der ich täglich dazu lerne. Vier weitere Songs sind von mir als Demos produziert und liegen bei den Bandkollegen zum Aufnehmen ihrer Spuren. Und es kommen noch weitere neue Songs hinzu, zwei sind aktuell konkret in Arbeit, eine Handvoll weitere im Skizzenstadium. Ich hoffe, noch in diesem Jahr erste Kostproben veröffentlichen zu können. Diese stelle ich (auch dies ein vom Stipendium bedingtes "Feature") kostenlos online zur Verfügung, allerdings werden diese Vorabversionen sich von den letztendlichen Albumfassungen unterscheiden. Letztere werde ich nochmal von Tonstudio-Profis mixtechnisch feintunen und mastern lassen, so dass alle, die das Album später dann tatsächlich kaufen, auf jeden Fall das bestmögliche Resultat bekommen. Bis zum nächsten Mal, stay safe and rock on!

Corona-Tagebuch, Teil 2

26 Juli 2020

Auch in den seit meinem letzten Blog-Eintrag vergangenen drei Monaten hat sich nicht viel an der desaströsen Politik der Bundesregierung die Lage der Freiberufler und Solo-Selbständigen betreffend geändert. Außer, dass man nun noch frustrierter ist, weil man bzgl. der Rückzahlung der Soforthilfen noch der Angeschmierte ist, wenn man sich den Arsch aufgerissen hat, um seine Familie zu ernähren. Aber wer mag, kann das im zweiten Teil meiner kleinen Corona-Chronik nachlesen. Bleibt gesund!
17. April 2020: Jetzt geht das los: Veranstaltungen aufgrund von Corona aufs nächste Jahr verschoben, an den neuen Terminen anderweitig belegt, zack, ganze Produktion weg. Und ich werde da bei weitem kein Einzelfall sein. Die mir dadurch ausfallenden Honorare ersetzt mir keiner, sind ja keine Betriebskosten. Die Auswirkungen auf uns Freiberufler werden noch über Jahre zu spüren sein, sofern wir überhaupt überleben können. Aber ist ja nicht so schlimm, wir sind schließlich "verzichtbar", wie die Damen und Herren Experten aus der Regierung es immer wieder formulieren. Schönen Dank auch für nichts.
01. Mai 2020: Während sich meine heimliche Hoffnung, dass Stephen King plötzlich hinter einem Busch hervorspringt und die ganze Corona-Scheiße als einen irren PR-Gag für sein nächstes Buch entlarvt, immer mehr verflüchtigt, hier ein Zitat aus seinem Buch "Das Leben und das Schreiben" (2000), das mir gerade passend erscheint: "Das Leben ist kein Stützgerüst für die Kunst. Es ist andersherum." In diesem Sinne: Frohen Mai allerseits.
09. Mai 2020: Sehr geehrte Frau Merkel, sehr geehrte Bundesregierung, glauben Sie es eigentlich wirklich, dass Sie mit Ihren Hilfsprogrammen in der derzeitigen Form ganz besonders auch an Freiberufler und Solo-Selbständige gedacht und den Zugang zur Grundsicherung vereinfacht haben? Das geht an jeder Realität vorbei. Zudem: Unsere Berufsgruppe an die Grundsicherung abzuschieben, die letztlich zu Ende gedacht nichts anderes bedeutet als Hartz IV, während die meisten (längst nicht alle, und längst nicht alle in gleichem Maße) anderen betroffenen Branchen (richtigerweise) von den Hilfsprogrammen profitieren, ist ein massiver Schlag ins Gesicht für alle Künstler*innen, die ohnehin seit Jahren am Rande der Selbstausbeutung arbeiten, weil sie an das glauben, was sie tun und damit ihrem Publikum Freude bereiten und das kulturelle Leben in Deutschland, auf das Sie angeblich so stolz sind, bereichern. Das haben jetzt schon viele Kolleg*innen geschrieben, aber offenbar kommt es nicht an. Wenn diese nicht hinnehmbare Ungerechtigkeit nicht noch nachträglich korrigiert wird, haben Sie das Vertrauen in Ihre Politik bei Millionen von Menschen endgültig verspielt.
14. Mai 2020: Gespräch mit einem Schüler heute nach der Stunde. Schüler: "Was machst Du eigentlich beruflich?" Lehrer: "Wie jetzt?" Schüler: "Also ich meine, wenn Du nicht unterrichtest." Lehrer: "Meine Berufsbezeichnung lautet Komponist und Musiker." Schüler: "Muss man dafür Abitur haben?" Lehrer (denkt: Oje, jetzt nichts falsches sagen...): "Also, ich habe Abitur, und es macht immer Sinn. Genauso wie ein Studienabschluss, selbst wenn Dich im realen Berufsleben keiner danach fragt." Schüler: "Was wärst Du denn sonst geworden?" Lehrer: "Tierarzt. Aber ich kann kein Blut sehen, deshalb bin ich dann doch Musiker geworden." Schüler: "Hättest Du das denn überhaupt studieren können vom Notenschnitt her?" Lehrer: "Ich hatte einen Abischnitt von 1,2, da hätte ich fast alles studieren können." Schüler (nach kurzer Schockstarre): "Warum bist Du dann Musiker geworden???!!! Du hättest reich sein können!" Lehrer (denkt: Verdammt, er hat recht...): "Daran siehst Du: Musiker ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Das geht nicht, wenn Du nicht dafür brennst. Wenn Du aber dafür brennst, geht nichts anderes." Hoffe, das war für den jungen Mann pädagogisch halbwegs wertvoll.
15. Mai 2020: Versuch einer Zusammenfassung:
- Aufgrund der Schutzmaßnahmen gegen die weitere Ausbreitung des Corona-Virus wird unserer Branche von heute auf morgen ein auf unabsehbare Zeit geltendes Berufsverbot erteilt. Für viele von uns, die freiberuflich bzw. als "Solo-Selbständige" unterwegs sind, bedeutet das einen sofortigen Wegfall eines großen Teils der Einnahmen, wenn nicht den kompletten Einnahmeverlust.
- Die Bundesregierung kündigt vollmundig an, es werde "niemand im Regen stehen gelassen". Und tatsächlich läuft ein gigantisches Soforthilfe-Paket an, das (zumindest hier in NRW in den ersten Tagen) wirklich unerwartet zügig und unbürokratisch bearbeitet und ausgezahlt wird. Erleichterung und Freude.
- Ein Check der Bedingungen (Antrag gestellt am 27.03.2020): Ja, unzweifelhaft berechtigt; Umsatzeinbrüche dürfen aus den Soforthilfemitteln ausgeglichen werden. Mehr Erleichterung und Freude.
- Wenige Tage später (01.04.2020) verschwinden diese Aussagen auf der Website des Landeswirtschaftsministeriums, rückwirkend werden die Bedingungen geändert. (Würde ich das mit einem Vertragspartner so handhaben, wäre es im besten Fall Vertragsbruch...) Verwirrung.
- Es folgen Wochen der Rechtsunsicherheit, man steht immer noch mit massiven Umsatzeinbußen da und weiß nicht, ob und in welcher Höhe man die Soforthilfe einsetzen kann, um die existenzbedrohenden Einbrüche abzufedern. Zunehmend Frust und Sorge um die eigene Existenz (und die der Familie).
- Die Bundesregierung sperrt sich einer einheitlichen Regelung im Interesse einer Millionen Menschen zählenden Berufsgruppe, verweist nur an Hartz IV. Einzelne Länder (darunter auch NRW) kommen den Betroffenen immerhin entgegen. Wechselbad aus Frust und Hoffnung.
- Dennoch bleiben mehr Fragen als Antworten, es wird nicht nur mit Rückforderungen gedroht (dabei sollte es selbstverständlich sein, im Sinne der Gemeinschaft nicht benötigte Gelder zurückzuzahlen), sondern auch mit strafrechtlichen Konsequenzen. Die Politik richtet also ein Chaos an, das auf dem Rücken unverschuldet durch Berufsverbot und Ungleichbehandlung (Stichwort Kurzarbeitergeld) in Existenznot geratener Steuerzahler ausgetragen wird, die schon jetzt durch die drohenden Konsequenzen bei gleichzeitiger kompletter Verunsicherung aufgrund des politischen Wirrwarrs und Flickenteppichs unterschwellig kriminalisiert werden.
Fazit: Saubere Leistung. Oder habe ich da nur was nicht verstanden?
16. Juni 2020: So, ich habe die Corona-App dann auch mal. Wenn es hilft, dass diese ganze Scheiße schneller vorbei ist... Wobei ich mich schon frage, inwiefern die App hilfreich sein soll, solange nicht umfassender mehr Personen getestet werden, die dann eventuelle Ergebnisse dort eintragen können. Aber vielleicht verstehe ich das auch nur wieder nicht. Apropos nicht verstehen: Ein paar Eindrücke aus den letzten Wochen. Ein Bekannter (Risikogruppe wegen Alter und Lungenkrankheit) beschwert sich, dass wir den Kontakt einstellen, weil wir ihn nicht einem Risiko aussetzen wollen. Er mache eh alles ganz normal weiter (und vergisst auch gerne seinen Mundschutz). Im Supermarkt kommen mir Rentner (Risikogruppe) ohne Mundschutz entgegen, an der Kasse hustet mir eine Rentnerin (Risikogruppe) mit falsch angelegtem Mundschutz in den Nacken, nachdem sie mir distanzlos den Einkaufswagen in die Hacken gerammt hat. Weitere Bekannte (Risikogruppe wegen Alter) verabschieden sich munter in den Urlaub nach Italien oder Österreich, also in Regionen, die teils wesentlich härter von der Pandemie betroffen waren als wir. Ganz ehrlich: Als Angehöriger einer Berufsgruppe, deren Existenz gerade munter zerstört wird, um genau diese Risikogruppen zu schützen, empfinde ich so ein Verhalten als reinen Hohn und Schlag in die Fresse.
19. Juni 2020: Jetzt wo die ersten Nachrichten die Runde machen, dass Musikerkollegen keinen anderen Ausweg aus der von oben verordneten Perspektivlosigkeit unseres Berufs mehr sehen, als sich das Leben zu nehmen, frage ich mich: Wie werden diese Verluste gezählt? Als Todesopfer durch Corona? Mit Corona? Oder fallen sie auch hier wieder durch alle Raster? RIP Stephan UIlmann. Ich kannte Dich nicht persönlich, wir haben/hatten "nur" gemeinsame Freunde und Kollegen, aber Deine Entscheidung macht mich unendlich traurig.
03. Juli 2020: So, habe mir gerade mal den Spaß gegönnt, anhand des per Mail von der Bezirksregierung erhaltenen Formulars auszurechnen, wieviel von der Corona-Soforthilfe ich behalten darf. Ergebnis, wie es aussieht: Nichts. Dass es bei "Soloselbständigen" völlig sinnlos ist, sämtliche Einnahmen vollständig anzusetzen, auf der Ausgabenseite aber nur die Betriebskosten gelten zu lassen (obwohl wir ja von den Einnahmen auch Miete, Krankenversicherung, Essen etc.) bezahlen müssen, interessiert ja niemanden. Die Umsatzeinbußen in satter vierstelliger Höhe durch das von oben verhängte Berufsverbot ebensowenig. Fazit: Danke mal wieder für gar nichts, liebe Regierung. Hätte ich mir mal lieber drei Monate lang einen faulen Lenz gemacht, statt mir mit 80-Stunden-Wochen den Arsch abzuarbeiten, um irgendwie meine Familie über Wasser zu halten. Ich bin dann mal ein bisschen pleite. Schönes Wochenende auch.
12. Juli 2020: "Die Soforthilfe sei aufgesetzt worden, um für drei Monate Liquiditätsengpässe zu überbrücken." Falsch! Bis Anfang April stand ausdrücklich auf der Seite des NRW-Wirtschaftsministeriums, gerade für Freiberufler und Soloselbständige sei die Soforthilfe auch dazu da, Umsatzeinbußen auszugleichen. Das wurde erst nachträglich geändert. In meiner Branche heißt sowas Vertragsbruch oder Betrug. Glauben die Politiker ihr eigenes Geschwurbel und die ganzen Lügen eigentlich noch selbst?

Corona-Tagebuch

14 April 2020

Ihr Lieben, nachdem das Jahr so gut mit einer wundervollen und fruchtbaren CD-Produktion zu unserem Musical "Nimmerwiedermehr" begonnen hatte, kam im März Corona... und plötzlich steht mein gesamter Berufsstand vor dem existenziellen Aus. Gerade wir Freiberufler werden derzeit noch von der Politik ziemlich allein gelassen und ebenso pauschal wie lapidar ans Hartz IV-Antragsverfahren abgeschoben. In den letzten Wochen habe ich, ebenso wie viele Kolleg*innen, um meine Existenz gekämpft und tue das nach wie vor; öffentliche Äußerungen dazu haben sich dabei primär auf das Medium Facebook beschränkt. Für alle, die dort nicht unterwegs sind, auch hier nochmal eine kleine Krisen-Chronik aus meinen Facebook-Beiträgen. Bleibt gesund!
14. März 2020: Ein Lebenszeichen: Wir haben uns heute, obwohl wir das Konzert zu Julian Rybarskis Albumrelease leider nicht spielen durften, im Proberaum getroffen und das Set durchgespielt. Einfach, damit es weitergeht. Um Musik zu machen. Um dem politisch verordneten Berufsverbot zu trotzen. Um Pläne zu schmieden. Es wird weitergehen. Es wird weiter Musik geben. Es werden gerade Möglichkeiten geprüft, um die Musik und die Kunst auf anderen Wegen zu Euch zu bringen. Danke dafür allen, die hinter den Kulissen schon intensiv und engagiert daran arbeiten. Diese Krise kann, so hart sie uns alle trifft, auch eine Chance sein. Eine Chance, zusammenzurücken, uns besser zu vernetzen und hinterher stärker dazustehen als je zuvor. Wenn die Politik uns nicht allein lässt, kann das gelingen. Lasst uns zusammenhalten! Stay safe and rock on!
15. März 2020: Wenn ich jetzt neunmalkluge Kommentare lese wie "hättet ihr halt vorgesorgt und was gespart", kann ich gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte. Was glauben diese Leute eigentlich, was wir in unserem Beruf verdienen? Und obwohl es oft genug gerade zum Leben reicht, üben wir Künstler, Musiker etc unseren Beruf mit Liebe und Leidenschaft aus, um das Leben in unserer Gesellschaft mit Kunst und Kultur etwas schöner und bunter zu machen. Und jetzt, wo unsere Existenzen von heute auf morgen unverschuldet zerstört werden, reißen dann noch einige Leute solche Sprüche? Manche brauchen keinen Virus, um hirntot zu sein. Ende des Wutausbruchs.
Edit: Dabei will ich aber nicht vergessen, mich auch im Namen aller betroffenen Kolleg*Innen, mit denen ich in Kontakt stehe, für die in den letzten Tagen gezeigte Solidarität und die aufmunternden Nachrichten zu bedanken! Wir freuen uns darauf, sobald es geht wieder für Euch spielen zu können! Und die Neunmalklugen können sich das Geld für die Tickets dann ja klemmen und auf die hohe Kante legen.
17. März 2020: Home Office AKA freiwillige Selbstquarantäne, Tag 1: Gelernt, im computertechnisch gesehen hohen Alter von Ende 30 via Skype oder Whatsapp-Videoanruf zu unterrichten. Nicht nur, damit der Musikschulbetrieb weiterläuft und somit unsere und die Existenz aller Kolleg*innen bestmöglich gesichert werden, sondern auch, um unseren Schülern ein wenig Abwechslung und Lebensfreude in den Wir-bleiben-alle-zu-Hause-Alltag zu bringen, was durchweg freudig und dankbar angenommen wurde. Und: Die kurzen Gassirunden waren sehr angenehm, mit so wenig Menschen draußen. Außerdem: Schwiegermutters Rezept gegen Viren aller Art getestet. Meerettich, Honig und Zitronensaft, 3x täglich ein Teelöffel. Sehr zu empfehlen, das ist so scharf, da hat kein Virus mehr eine Chance.
18. März 2020: Home Office AKA freiwillige Selbstquarantäne, Tag 2: Die Fertigkeiten, Unterricht und auch Chorarbeit per Video und Internet aufrecht zu halten, weiter verfeinert. Zum ersten Mal seit langer Zeit bewusst gemacht, was für ein Segen das Internet sein kann. Mit tollen Menschen ebenso kommuniziert wie mit ganz dummen. Mutti Merkels Rede an die Bevölkerung geschaut, drüber nachgedacht und sich gefragt: Wenn alle mindestens 1,5 Meter Abstand halten sollen, wieso sieht man dann in derselben Tagesschau das Regierungskabinett in hautenger Gesprächsnähe? Das kleine zynische Teufelchen auf der rechten Schulter dann wieder zum Schweigen gebracht.
19. März 2020: Home Office AKA freiwillige Selbstquarantäne, Tag 3: Festgestellt, dass bei 7 Stunden Unterricht am Stück der Smartphone-Bildschirm doch anstrengend für die Augen wird. Muss versuchen, mein Uralt-Tablet an den Start zu bringen. Bei einer kurzen Gassirunde um den Block zwei Schornsteinfeger getroffen. Deren Hand zu schütteln, soll ja Glück bringen, aber Hände schütteln geht ja gerade nicht - sind wir jetzt also alle am Arsch? Positive Nachrichten von unerwarteter Seite erhalten. Man freut sich ja mittlerweile über alles, was keine Schreckensmeldung ist. Auch wenn sich manche Dinge später als Hoaxes erweisen oder die Realität die ihnen innewohnende Hoffnung überholt: Was bleibt uns? Sollen wir nur noch schwarz sehen und Panik machen? Nein. Und wieder ein Gedanke, der das zynische Advocatus-Diaboli-Teufelchen auf der Schulter aktiviert: Immer mehr Politiker posten Videos, in denen sie dazu aufrufen, zu Hause zu bleiben. Aus dem Fernsehstudio oder dem Büro. Kann Politik kein Home Office? Sollten die Verantwortlichen, die drastische Maßnahmen verfügen, nicht mit gutem Beispiel vorangehen? Ach was soll's, müde, Ende für heute.
20. März 2020: Home Office AKA freiwillige Selbstquarantäne Tag 4: Heute kein Unterricht. Dafür viele Materialien für meine Chöre entwickelt. Endlich positive Signale aus der Politik bekommen, wie Künstlern und Selbständigen geholfen werden soll. Aber keine Zeit gehabt, mich durch die Formulare und Bedingungen zu arbeiten. Deutschland einig Bürokratenland, da ändert auch kein Virus was dran. Aber froh darüber, dass ich es über die letzte Woche geschafft habe, durch neue Wege und ungewöhnliche Ideen den finanziellen Schaden für meine Familie vorerst zu begrenzen - keine Selbstverständlichkeit, und ich werde mich weiter vehement für alle Kollegen einsetzen, deren Existenz gerade zusammenbricht. Wann sollten wir zusammenhalten, wenn nicht jetzt? Kehrseite davon, dass ich via Skype etc weiter arbeiten kann und viel kommuniziere: Noch keine Zeit gehabt, die Home Office-Zeit für Dinge zu nutzen wie Songwriting, Weiterbildung, Büroaufräumen o.ä. Außerdem: Dem Seniorenehepaar aus dem Erdgeschoss angeboten, die Einkäufe zu erledigen. Dankbare, freundliche Ablehnung: "Erstmal machen wir noch so viel wie möglich selbst." Verständlich, aber auch vernünftig??? Dazu passend das Durchschnittsalter von ca 70 heute bei Aldi. Keinerlei Papierwaren bekommen. Gut, dass ich noch Berge alter Noten habe, wird eh Zeit, auf digital umzusteigen. Jetzt Wochenende. Bleibt gesund, da draußen!
23. März 2020: Home Office AKA freiwillige Selbstquarantäne Tag 5 (Wochenende zählt nicht mit, da ich da den, wenn auch vergeblichen, Versuch gestartet habe, ein wenig zu entspannen): In der zweiten Woche kehrt fast Business as usual ein. Erste Anträge auf Nothilfe gestellt, da sich die Verluste schon nach knapp zwei Wochen Shutdown auf einen satten vierstelligen Betrag geläppert haben. Und mir geht es da noch vergleichsweise gut. Und ich habe die Frage gelöst, die sich derzeit alle stellen: Wo ist das ganze Klopapier hin? Ja, habt ihr schonmal in die Fenster der Kioske geschaut? Hin- und hergerissen zwischen der Frage, ob ich diese Kioskbetreiber als asoziale Arschlöcher verachten soll (jetzt ist mir klar, warum in den Supermärkten nix mehr da ist), oder ob ich sie bewundern soll, weil sie eine brillante Geschäftsidee hatten. Die Hamsterer wurden jedenfalls hier zu Unrecht verunglimpft: Am Ende werden sie triumphieren, während wir alle zu Verstopfung fördernden Nahrungsmitteln greifen.
24. März 2020: Home Office AKA freiwillige Selbstquarantäne Tag 6: Werde die Frequenz dieser Statusmeldungen verringern. Es schleicht sich Routine ein. Allerdings nehme ich erste Anzeichen von Lagerkoller wahr. Nicht bei mir (ich war immer schon ganz gern allein für mich), sondern bei meinen Schülern. Die sind so froh und dankbar, dass wir den Unterricht online durchziehen und so einen kleinen Normalitätsanker werfen. Dabei sind unsere Berufe im Moment, verglichen mit den Ärzten, Pflegern, Supermarktangestellten, allen, die den Laden am Laufen halten, eigentlich völlig nebensächlich. Trotzdem tut es gut, Menschen helfen und ein klein wenig Freude bringen zu können. Apropos Supermarktangestellte: Ich denke, ich werde es beibehalten, der Dame oder dem Herrn an der Kasse einfach mal zwischendurch für ihre Arbeit zu danken oder ihnen gute Gesundheit zu wünschen. Nur ein paar kleine Worte, die so viel Unterschied im täglichen Miteinander machen können. Vielleicht wird das ja irgendwann einer der positiven Nebeneffekte dieser bescheidenen Situation sein.
25. März 2020: Home Office AKA freiwillige Selbstquarantäne Tag 7: Für meinen Gospelchor arrangiert, Videos aufgenommen, Gitarre gespielt, einen Song fertig geschrieben. Den ersten seit anderthalb Jahren. Man muss die positiven Seiten sehen. Aber auch geärgert: Glauben Versicherungen wirklich, wir haben jetzt nichts anderes zu tun, als unsere Verträge durchzugehen, ob alles noch so gilt? Beiträge stunden geht übrigens natürlich nicht... Wie kommen Banken ausgerechnet jetzt, in dieser Situation, darauf, die Konten zu prüfen, ob man nicht doch ein anderes Kontenmodell wählen müsse, das gleich doppelt so teuer ist? Und müssen Finanzämter unbedingt jetzt noch Mahngebühren erheben, weil man aufgrund des Corona-Chaos die Steuervorauszahlung ganze zwei Tage zu spät geleistet hat? Naja, sollen sie haben, vielleicht kommt diese zusätzliche Einnahme ja jemandem zugute, der sie gebrauchen kann. Jetzt muss ich Schluss machen, muss kurz lachen gehen.
26. März 2020: Home Office AKA freiwillige Selbstquarantäne Tag 8: Das Ungewöhnlichste am heutigen Arbeitstag war die Erkenntnis, dass einer meiner Gitarrenschüler mit unserer Tochter in eine Klasse geht. Die Welt ist klein. Ansonsten: Man hört aus der Bezirksregierung, dass alle Mitarbeiter überlastet sind (oje), die Anträge auf Soforthilfe nicht abreißen (merkwürdig) und wahrscheinlich gar nicht alle bewilligt werden können (oh, welche Überraschung). Und wer jetzt beantragt, aber aufgrund mangelnder Bescheinigungsbereitschaft seiner Auftraggeber, mit denen man in alter Showbiz-Tradition viele "Verträge" per Handschlag abgeschlossen hat, noch nicht alle Ausfälle belegen kann, darf später keinen zweiten Antrag stellen. "Schnelle, unbürokratische Hilfe", dass ich nicht lache. Welcher hoffnungslos naive Idiot hat eigentlich von unseren überbezahlten Politclowns etwas anderes erwartet? Oh Mist, ich. Anyway, am Ende des Tages noch was Lustiges: Als ich zur letzten Runde mit dem Hund das Haus verlasse, konferieren eine Tür weiter vier männliche Jugendliche gleichen Alters, bei denen ich einfach mal davon ausgehe, dass sie demselben Hausstand angehören. Plötzlich rülpst einer in beeindruckender Phonstärke, dass die ansonsten menschenleere Straße wackelt. Ich so: "Mahlzeit." Er so: "Danke." Ich muss grinsen. Hach, die kleinen Freuden zwischenmenschlicher Kommunikation fehlen schon.
28. März 2020: Home Office AKA freiwillige Selbstquarantäne Tag 9 inklusive Wochenende: Beim Frühstück der Tochter erklärt, was es heißt, wenn der US-Präsident Kriegszeiten ausruft. Sie war schockiert, dass es Regierungen in demokratischen Ländern so einfach gemacht wird, absolute Macht an sich zu reißen. Das ist genau der Grund, warum ich diese ganze Situation so kritisch sehe. Nicht nur wegen des Virus, der sehr, sehr schlimm ist und natürlich Maßnahmen erfordert. Aber wegen der politischen Reichweite dieser Entscheidungen, die Präzedenzfälle schaffen könnten, und wegen des stillschweigenden Einverständnisses großer Teile der Bevölkerung. Für diese Haltung bin ich in den letzten Tagen öfter mal kritisiert worden, aber ich halte daran fest. Mehr und mehr seriöse (!!!) Presseorgane stellen sich mittlerweile dieselben Fragen. Das erleichtert mich. Ich rudere hinterher lieber zurück und sage, ist ja doch alles nicht so schlimm gekommen, wie ich es befürchtet habe, als zu insistieren, ich habe es doch die ganze Zeit gesagt. Apropos zurückrudern: Ich muss anerkennen und tue das ebenso erleichtert wie gerne, dass zumindest hier in NRW der Antrag auf Soforthilfe tatsächlich, anders als bei unzähligen anderen Antragsmöglichkeiten, die vor dem gestrigen Freitag kursierten, und anders als aufgrund langjähriger Erfahrung als freiberuflicher Künstler im deutschen Bürokratiedschungel befürchtet, sehr unbürokratisch zu stellen war und sehr schnell genehmigt wird. Das mit dem "nicht rückzahlbaren Zuschuss" ist zwar insofern einzuschränken, dass man sehr wohl alles, was man nicht nachweislich zur Deckung der durch Corona verursachten Ausfälle benötigt, zurückzahlen muss, aber das ist ja wohl selbstverständlich und Ehrensache. Man will sich ja nicht an der Krise bereichern, ich möchte nur Kompensation für die mir durch staatliche Intervention entgangenen Einnahmen, und das ist hier gewährleistet. Zwischenfazit also: Deutschland kann doch, wenn es will. Bleibt gesund, da draußen!
31. März 2020: Home Office AKA freiwillige Selbstquarantäne, Tag 10 und 11: In der dritten Woche ist das Besondere, Berichtenswerte ja nicht mehr das Zuhausebleiben, sondern das, was man bei den wenigen Gängen nach draußen erlebt. So ringt der Monk in mir schon mit der Frage, ob er nach dem Ende der Pandemie nicht einfach weiter mit Einweg-Handschuhen den Supermarkteinkauf bestreiten soll. Der Hundepapa freut sich über den Erziehungserfolg, weil die Schäferhundmischlingshündin ihren Haufen zielsicher auf eine weggeworfene FC Bayern München-Wassereisverpackung setzte. Und der Freigeist in mir hat erfolgreich der Versuchung widerstanden, die sechsköpfige Jugendlichen-Gang, die sich stundenlang neben dem Nachbarhaus versammelt hatte (provokant alle Passanten anstarrend) bei den Behörden anzuschwärzen. Nein, Denunziant werde ich nicht.
04. April 2020: Home Office AKA freiwillige Selbstquarantäne Tag 12ff: Eine Zusammenfassung der letzten Tage. Die Jugendbande aus dem letzten Post dann doch angezeigt, nicht wegen Trotz-Corona-Versammlung, sondern wegen Sachbeschädigung an meinem Auto und anschließender Beleidigung. Auf der Abendrunde mit der Schäferhündin einen der betreffenden Jungs an meinem Auto erwischt, der sich bei unserem Anblick sofort ins Haus verkrümelt hat. Große Fresse, aber keine Eier in der Hose. Nun denn. Ansonsten: Mit Beginn der Osterferien dann erstmals ein wenig "Shutdown-Freizeit" gehabt, über die viele andere schon seit Wochen reden. Interessantes Gefühl. Die Tatsache überdacht, dass seit Wochen ein Song zur aktuellen Lage in Arbeit ist, den ich aber angesichts sich täglich ändernder bzw. weiterentwickelnder Meldungen nicht als wirklich fertig bezeichnen und somit aufnehmen könnte. Was quasi ein Beweis für die Problematik des Topical Songwritings ist. Ich werde dann stattdessen in den nächsten Tagen wohl ein Lied über meinen vor gut zwei Jahren gestorbenen Hund aufnehmen, das ich damals begonnen hatte und erst jetzt fertigstellen konnte. Und sonst? Ein paar wenig Hoffnung machende Gespräche über die Zukunft unseres Berufsstandes angesichts der Corona-Maßnahmen geführt und überlegt, ob öffentliche Selbstverbrennung angesichts regierungsseitiger Beraubung jeglicher Berufsaussichten oder Freiwillig-Meldung zum Spargelstechen die sinnvollere Alternative sei. Einigung auf innere Selbstdesinfektion durch hochwertigen medizinischen Alkohol vorzugsweise schottischer Provenienz. Schließlich noch die Frage aller Fragen: Ist die Tatsache, dass die eigene Tochter einen als zugespitzte Version von Sheldon aus "The Big Bang Theory" beschreibt, eher als Kompliment oder als Beleidigung zu verstehen?
09. April 2020: Freiwillige Selbstquarantäne während der Osterferien, eine Zusammenfassung: Bis heute nicht viel von den Ferien gemerkt. Viele Dinge erledigt, die in den letzten Wochen liegengeblieben sind. Aber es war gut, sich zu beschäftigen, denn eigentlich wären meine Frau und ich diese Woche nach Basel gereist, um unseren 10. Hochzeitstag nachzufeiern... nun denn. Es war auf jeden Fall mal nett, mich wieder intensiver mit meiner eigenen Musik zu beschäftigen, nachdem mich im Normalbetrieb die Notwendigkeit, die Brötchen zu verdienen, meist davon abhält. Da ich endlich auch mein kleines Homestudio in Gang gebracht habe (auch wenn ich da noch einiges lernen muss), wird es vielleicht auch mal wieder öfter musikalische Lebenszeichen von mir geben. Auf jeden Fall habe ich heute die letzten Master-Tracks unserer "Nimmerwiedermehr"-CD erhalten, die sich aus diversen Gründen ein wenig verzögert hat... ich hoffe, dass es nun nicht mehr lange dauert bis zum Erscheinen. Was war noch diese Woche? Amüsiert über die Tatsache, dass Politessen offenbar alle in einer großen WG zusammenleben, spazierten sie doch vor ein paar Tagen munter zu dritt durch unser Viertel. Natürlich ohne Einhalten des Mindestabstands. Bestürzt über die weltweite Entwicklung der Corona-Fallzahlen (wobei die Frage ja immer noch ist, welchen Zahlen nun geglaubt werden darf... und warum selbst in so reichen Ländern wie unseren nicht genügend Tests zur Verfügung gestellt werden können, um flächendeckend zu testen). Besorgt über das anhaltende Stillschweigen großer Teile der Bevölkerung zum konsequenten Aushebeln der Grundrechte. Nein, ich habe auch keine Lösung, wie es anders zu machen wäre, aber dass die Regierung jegliche Diskussion über dieses Thema und den Weg zurück in die Normalität zu unterdrücken versucht, finde ich erschreckend. Frustriert über die Ignoranz und Abkanzelung meines Berufsstandes durch die Regierung, weil die Kriterien der Corona-Soforthilfen für uns nach derzeitigem Stand nicht gelten sollen. Uns pauschal als künftige Hartz IV-Empfänger abzukanzeln, empfinde ich als Schlag ins Gesicht. Welches Land brüstet sich nochmal sonst so gern mit seiner vielfältigen Kulturlandschaft? Ach ja... Dankbar, dass es dennoch andere Institutionen gibt, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen. Wie auch immer, Freunde: Trotz allem wünsche ich Euch schöne Ostertage, bleibt zu Hause und bleibt vor allem gesund!
Sehr geehrter Herr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, danke für Ihre Rede. Danke auch dafür, dass Sie unseren Berufsstand mit erwähnen (ca. bei Minute 2:00). Vielleicht nehmen sich Ihre Politikerkollegen der Bundes- und Landesregierungen ein Beispiel daran und bessern bei den nachträglich bekanntgegebenen bzw. veränderten Richtlinien für die Corona-Soforthilfe, die plötzlich die zuvor ausdrücklich mit angesprochenen Freiberufler und Künstler von der Unterstützung ausnehmen (viele von uns haben keine Betriebskosten im Sinne der aufgelisteten Bedingungen, sondern arbeiten von zu Hause aus bzw. mobil und sind daher darauf angewiesen, aus unseren Einnahmen, die jetzt überwiegend wegbrechen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, Einnahmeausfälle sollen jedoch auf einmal nicht mehr anrechenbar sein) und diese pauschal an Hartz IV verweisen. Baden-Württemberg hat mittlerweile schon gezeigt, dass es geht. Was ist mit den anderen Ländern? "Es wird niemand im Stich gelassen", hieß es zu Beginn dieser Krise. Und tatsächlich war die Überraschung und Freude groß, als nach Wochen der Sorge um die über Jahrzehnte mühsam aufgebaute Existenz die Fördergelder unbürokratisch schnell bewilligt und ausgezahlt wurden, nur um kurz darauf erleben zu müssen, wie die Bedingungen im Nachgang täglich geändert wurden und werden. Die Solidarität, die Sie ansprechen, ist wichtig und sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Aber sollte die nicht auch für alle gelten, statt ganze, Millionen Menschen zählende Berufsgruppen entgegen ursprünglicher Versicherungen nun im Hartz-IV-Regen stehen zu lassen? Vielleicht passiert noch etwas in unserem Sinne - alle Kolleg*innen, die ich kenne, freuen sich jetzt schon darauf, unsere Kulturlandschaft nach Ende der Krise weiter lebendig zu halten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie frohe Ostern, bleiben Sie gesund.

Frohes Neues...

04 Januar 2020

Das war es also, das Jahr 2019. Ich kenne viele Menschen, die froh sind, dass es vorbei ist und nun etwas Neues beginnen kann. Auch mir geht es so. Das vergangene Jahr begann für mich zunächst gut und erfolgreich mit spannenden Projekten und schönen Aufgaben. Aber spätestens ab April wurde es unschön. Private Sorgen und gesundheitliche Probleme nahmen meine Zeit und meine Aufmerksamkeit in Anspruch - alles für sich genommen nichts Wildes, aber eben Dinge, um die man sich kümmern muss. Ich habe in diesem Jahr stärker als bisher und definitiv gemerkt, dass ich mich zu lange überarbeitet habe. Knapp 20 Jahre, in denen ich regelmäßig um die 80 Wochenstunden im Schnitt gearbeitet habe, haben halt doch ihre Spuren hinterlassen. Also wurde und wird es Zeit, mich mehr auf mich selbst und meine Familie zu konzentrieren.
Einhergehend damit gab es, eigentlich (und in dieser Hinsicht kann ich mich glücklich schätzen) erstmals nach vielen Jahren, in denen es beruflich kontinuierlich bergauf ging, erstmals (allerdings herbe) Rückschläge. Es war eine bunte Mischung dabei von vielen Dingen, die das Showgeschäft mit sich bringt und von denen ich bisher lange verschont geblieben bin. Besonders enttäuscht bin ich dabei von manchen "Kollegen", für die man sich oft eingesetzt oder denen man aus der Patsche geholfen hat und die einem dann, kaum dass der Karrierewind aus einer anderen Richtung weht, in den Rücken fallen. Loyalität ist halt für manche Leute eine Einbahnstraße. Immerhin habe ich auch gelernt, wer die wahren Freunde sind, die auch zu einem stehen, wenn es gerade nicht so rosig aussieht. Hat eben alles auch sein Gutes.
Ich bin, als Konsequenz aus all diesen Entwicklungen, derzeit dabei, meine Tätigkeit anders aufzustellen. Ich möchte weniger unterwegs sein, nicht ständig auf Tour, mehr von zu Hause arbeiten, mehr für meine Familie da sein können. Dazu gehört, dass ich künftig mehr unterrichten werde, und freue mich in diesem Bereich auf spannende neue Aufgaben, die teilweise auch direkt mit Beginn des neuen Jahres starten. Auch für meine eigene Musik möchte ich wieder mehr Zeit haben. 2019 habe ich keine einzige Note komponiert. Auch deshalb: Gut, dass dieses merkwürdige Jahr vorbei ist und nun Neues beginnen kann. Ich freue mich darauf!

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