Ein Jahr Corona

09 März 2021

Heute vor einem Jahr habe ich meinen letzten regulären Gig gespielt, bevor die Pandemie ein Arbeitsverbot für meine Branche erzwungen hat. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht in Frage stellen, dass Maßnahmen nötig waren und sind. Aber ich möchte anhand meiner persönlichen Erfahrungen schildern, was ein Jahr Corona und vor allem die unterlassene Hilfeleistung der Bundesregierung bewirken.
Vor einem Jahr also der letzte Vor-Corona-Gig, als Pianist mit einem Jazz-Quartett, als Rahmenprogramm zum Vestischen Neujahrsempfang in Recklinghausen, Gastredner: Bundesfinanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz (ausgerechnet). Wir erinnern uns: Zu diesem Zeitpunkt war die Situation unübersichtlich, jeden Tag kamen neue Schließungen hinzu, bevor das Land dann am Ende jener Woche in den ersten Lockdown geschickt wurde. So meinte der Vizekanzler auch betont jovial, nachdem er zuvor die Genossen völlig distanzlos mit Handschlag und Umarmungen begrüßt hatte, dies sei ja wohl auf längere Sicht die letzte Gelegenheit, sich in einem so großen Rahmen zu treffen. In den folgenden Tagen und Wochen dann regelmäßig in den Nachrichten, in denen neue Kontaktsperren, Hygieneregeln etc. verkündet wurden, Bilder des Kabinetts oder aus dem Bundestag, wo die Damen und Herren Politiker wiederum völlig distanzlos miteinander plauschten. Von Herrn Spahns diversen Fettnäpfchen (Stichwort z.B. überfüllter Aufzug) noch gar nicht zu reden. Vertrauenbildendes Verhalten geht anders.
Aber schön, auch die Politiker mussten sich an diese Extremsituation gewöhnen, da kann man vielleicht noch keine Vorbildfunktion erwarten. Während sich bei mir und allen Kolleg*innen der Jahresterminkalender zusehends leerte und erste Existenzsorgen aufkamen (wobei noch niemand daran glaubte, dass uns die Einschränkungen so lange begleiten würden), wurden erste Hilfsprogramme aufgelegt. Das erste Unterstützungsprogramm für Künstler*innen des Landes NRW habe ich noch ausgelassen, ich dachte, meine Rücklagen reichen für ein paar Monate, ich lasse anderen den Vortritt, die das Geld dringender brauchen. Dann die Corona-Soforthilfe: 9000 Euro, nicht rückzahlbar hieß es, gerade für Selbständige auch als Ersatz für Umsatzausfälle gedacht. Super, beantragt, genehmigt, ausgezahlt, das wäre immerhin eine halbwegs annehmbare Kompensation der weggebrochenen Einnahmen. Dann aber die Kehrtwende der Politik: Bekanntlich wurden die Bedingungen im Nachgang derart geändert, dass nun nur noch Betriebskosten (die freischaffende Musiker wie ich nur selten in nennenswertem Umfang haben) von den Fördermitteln bezahlt werden durften. Also, nach langem Hin und Her, fast alles wieder zurücküberwiesen. Auch anschließende "Hilfsprogramme" waren immer so angelegt, dass ich genau gar nichts beantragen durfte. Irgendwann habe ich dann aufgehört, mich überhaupt noch dafür zu interessieren. Den vollmundigen Versprechen der Regierung war einfach nicht mehr zu glauben, was viele Menschen in Gastronomie und Einzelhandel mit dem Fiasko der "Novemberhilfen" später nochmals erleben sollten.
Was habe ich stattdessen getan? Nun, da alle Jobs, die in meinem Beruf lukrativ sind und ein halbwegs vernünftiges Einkommen bieten, verboten waren, habe ich meine zuvor schon als ein Existenzbaustein vorhandene Unterrichtstätigkeit stark ausgeweitet. Nun können private Musikschulen keine berauschenden Löhne bezahlen, weshalb ich umso mehr arbeiten musste, um den Lebensunterhalt meiner Familie bestreiten zu können. Das geht eine Weile, ich habe immer schon viel gearbeitet, aber irgendwann wird es einfach zuviel mit im Schnitt 80 bis 100 Wochenstunden. Und trotz dieses Arbeitsaufwands sind die Reserven aufgebraucht, sind wir nur deshalb nicht in die Privatinsolvenz gerutscht, weil immer wieder Freunde überraschend mit großzügigen Geschenken geholfen haben. Was das mit dem Selbstwertgefühl macht, wenn die Politik einerseits ein Arbeitsverbot verhängt, andererseits keinerlei wirksame Hilfsinstrumente zur Verfügung stellt und parallel noch über die "Systemrelevanz" von Kultur debattiert, und man andererseits von Almosen abhängig ist, obwohl man es bisher immer aus eigener Kraft geschafft hat, sich über 20 Jahre hinweg eine bis dato gesunde Existenz aufgebaut hat und sich immer noch den A... dafür abarbeitet, es irgendwie zu schaffen, das mag ich hier gar nicht beschreiben.
Wie sieht nun heute der Ist-Zustand aus? Ohne die musikalischen Projekte, die ich mit Hilfe zweier Stipendien durchführen konnte, hätte ich wahrscheinlich schon aufgegeben und wäre auf Hartz IV. Von dem Stipendien-Geld (zumindest dem des Landes NRW) darf ich zwar auch nicht leben, aber zumindest meine künstlerische Arbeit fortführen. Was ein dringend nötiger Ausgleich zu den "Brotjobs" ist, auch wenn dadurch auch noch das letzte bisschen Freizeit draufgeht. Die Brotjobs waren schon immer ein Teil meiner Arbeit und ich mache sie in der Regel auch gern, aber es hat einen Grund, weshalb ich selbständig geworden bin. Weil ich gewisse Freiheiten schätze und brauche. Die sind nun seit rund einem Jahr weg, jeden Monat steht die Frage im Raum, wie lange wir finanziell noch durchhalten können. Unsere Branche hat noch immer keine Perspektive, und das in der angeblichen "Kulturnation" Deutschland. Seit Monaten schlafe ich nicht mehr richtig, egal welche Mittel ich zur Hilfe nehme; die gesundheitlichen Probleme, die mich vor zwei Jahren dazu bewogen haben, das Touren deutlich zu reduzieren, sind zurück und stärker ausgeprägt denn je; was die Zukunft bringt, steht in den Sternen.
Natürlich wird dann immer die Frage gestellt: Was hätte ich denn besser gemacht? Ich weiß es nicht, es ist auch nicht mein Job, dafür werden die Politiker gewählt und bezahlt. Was ich finde, ist, dass es schon vor Corona ein Kardinalfehler war, das Gesundheitssystem kaputtzusparen. Vielleicht hätte man das Geld, das man jetzt zur Rettung der Wirtschaft in die Hand nehmen möchte, massiv in Krankenhäuser und Pflegeheime, deren technische Ausstattung und eine vernünftige Bezahlung des Personals investieren sollen. Wenn man nicht Leben retten will um den Preis, Millionen von Existenzen (und damit auch wieder Leben) zu zerstören, hätte man wirksame, unbürokratische Hilfen aufsetzen müssen. Leben hat halt auch etwas mit Lebensqualität zu tun, und darin, Leben zu retten, wenn hinterher alles kaputt ist, was das Leben lebenswert macht, sehe ich persönlich keinen Sinn. Das mag und darf natürlich jeder anders sehen, es bleibt aber meine Meinung. Außerdem konnte mir bisher noch keiner erklären, warum die Regierung nach mittlerweile einem Jahr Pandemie aktuell in Sachen Impfungen und Schnelltests eine derart chaotische und schwache Performance abliefert, vom kruden, sich an immer neuen Ungerechtigkeiten überbietenden Lockdown-Durcheinander ganz zu schweigen. So hätten sämtliche Gegenmaßnahmen koordinierter, transparenter und von vornherein durch den Bundestag legitimiert ablaufen müssen. So wie es passiert ist, hat die Politik massiv Vertrauen verspielt. Mir graut vor den im Herbst anstehenden Wahlen, denn dass die Rechten das Versagen der etablierten Parteien für ihren polemischen Stimmenfang ausnutzen, haben sie ja bereits gezeigt. Hoffen wir, dass wir in einem Jahr ein positiveres und hoffnungsvolleres Fazit der dann vergangenen zwölf Monate werden ziehen können. Bleibt gesund und passt auf Euch auf - noch glaube ich daran: Music will be back!

Album-Update

17 Februar 2021

Geschafft! Alle Songs fürs neue Album sind fertig geschrieben und von mir als Demos aufgenommen. Jetzt sind die Kollegen dran, bevor es ans Abmischen und Mastern geht. 14 Songs gehen in die Produktion, ob alle letztendlich auf der Platte landen, entscheidet sich noch, aber im Moment gehe ich davon aus. Da ich ein Verfechter des Albumformats bin, sehe ich keinen Grund, den Umfang zu limitieren, wenn der Bogen, den ich mit den Songs erzählen will, alle 14 Lieder zulässt. Da ich übrigens bei Beantragung des NRW-Künstler-Stipendiums, mit dessen Hilfe ich die Produktion finanziere, versprochen habe, das Publikum über den Arbeitsprozess auf dem Laufenden zu halten, und im Gegensatz zu so manchem Politiker ein totaler Fan davon bin, mein Wort zu halten, beschreibe ich an dieser Stelle mal, wie wir das Album im Social-Distance-Modus Stück für Stück zusammenbauen:
Zuerst kommt natürlich das Songwriting. Ich hatte, bevor der ganze Corona-Trubel losging, bereits eine Wunsch-Tracklist für ein mögliches Band-Album zusammengestellt mit Songs, die bisher unveröffentlicht, aber live erprobt waren. Die Pandemie änderte vieles, ohne das Stipendium wäre einerseits das Album finanziell nicht mehr stemmbar gewesen, andererseits habe ich aber auch einen Kreativschub erhalten und so viele neue Lieder geschrieben wie seit langem nicht mehr. Die sollten natürlich auf die Platte, so dass einige der eigentlich geplanten älteren Songs ihren Platz auf der Liste wieder räumen mussten. (Aufgeschoben ist ja aber bekanntlich nicht aufgehoben.) Mit dem Stand von heute sind fünf ältere Lieder übrig geblieben, ergänzt durch neun brandneue Songs.
Da ich mit meiner Band derzeit nicht wie gewohnt im Probenraum arbeiten kann, nehme ich jeden Song bei mir zu Hause zunächst als Demo auf, das heißt, nur Gesang plus entweder Klavier oder Gitarre, je nachdem, auf welchem Instrument ich den jeweiligen Titel geschrieben habe. Anschließend baue ich durch Gitarrenoverdubs und virtuelle Instrumente darum herum ein komplettes Bandarrangement, das meinen Kollegen die Richtung vorgibt, in die die Nummer gehen soll. Wichtig ist dabei, dass sie zwar eine grobe Orientierung und Anregungen erhalten, aber immer noch genug kreativen Freiraum für ihre Parts haben, denn der kollektive Input aller beteiligten Musiker ist genau das, was ich an der Arbeit mit einer Band schätze. Alles haarklein vorzugeben habe ich jahrelang im Musicalbereich praktiziert, und da geht es auch meist nicht anders, aber bei meinen eigenen Songs sollen Kreativität und Spielfreude im Vordergrund stehen. By the way: Im Laufe der nun seit gut einem halben Jahr andauernden Vorproduktion des Albums (ich kann ja nur in begrenztem Umfang daran arbeiten, wenn meine Brotjobs mir die Zeit dafür lassen) habe ich so einen Spaß an der großen Spielwiese meines Heimstudios bekommen, dass die Band-Demos immer detaillierter geworden sind. Eine schöne, aufregende neue Erfahrung und Herangehensweise.
Wenn die Demos fertig sind, spielt jeder Musiker bei sich zu Hause seine Beiträge ein und schickt mir anschließend die fertigen Spuren. Die baue ich dann in das Projekt ein und tausche die echten Instrumente gegen die programmierten aus dem Demo aus. Bei Schlagzeug und Bass ist das relativ einfach, da die Kollegen Matthias Plewka und Manuel Blase mir in der Regel nur einen Take schicken. Bei den Gitarren kommt noch die Qual der Wahl hinzu: Julian Rybarski macht sich immer sehr viele Gedanken, geht oft weit über das hinaus, was ich in den Demos anlege, und schickt eine Vielzahl von Vorschlägen und Varianten, die ich meistens alle mag. So darf ich dann (was für einen erklärten Gitarrenfan wie mich eine wahre Freude ist) all die Gitarrenspuren sichten, sortieren, editieren und in das Klangbild einbauen. Zur Erinnerung: Die Vorgabe war, ein Rockalbum zu machen, eine Gitarrenplatte, und dieses Ziel werden wir definitiv erreichen.
Wenn alle Aufnahmen eingebaut sind, nehme ich in der Regel ein paar Overdubs auf: Den Gesang in sauber (wobei ich die finalen Versionen Anfang März nochmal unter richtigen Studiobedingungen einsingen werde, da ich weder ein hochwertiges Gesangsmikro besitze noch die entsprechende schallisolierte Umgebung habe), hier und da eine zusätzliche Gitarre (siehe oben!), vor allem aber bei Bedarf noch ein paar Keyboards wie Orgeln, Synthesizer, Streicherflächen. Und dann geht es ans Abmischen, was für mich komplettes Neuland ist, aber hier habe ich kompetente und hilfsbereite Unterstützung durch in dieser Hinsicht erfahrenere Kollegen wie Matthias oder unseren Live-Tonmagier Christian Regniet. Diese Aufgabe wird mich nun in den kommenden Wochen primär beschäftigen. Wir wollen diesmal soviel wie möglich selber machen, bevor dann als letzter Schritt natürlich alle Lieder nochmal extern gemastert (und davor bei Bedarf final abgemischt) werden.
Soweit der Plan - drückt uns die Daumen, dass alles läuft wie es soll und das Album im Juni fertig sein wird! Einen ersten Appetizer gibt es sehr bald. Stay tuned, denkt positiv, bleibt negativ und so weiter! Music will be back!

Mea culpa

15 Februar 2021

Da hat man nach Monaten ganz ohne Termine (höchstens Absagen ebensolcher) mal einen Gig und vergisst, ihn hier auf die Website zu stellen... Ich entschuldige mich bei meinen lieben Kolleg*innen, mit denen ich gestern das Streaming-Konzert "Be my Valentine" aus dem KatiElli-Theater bestritt. In den Social Media-Kanälen habe ich dafür zwar Werbung gemacht, aber den Termin hier auf meine eigene Homepage zu setzen, das ist mir total durchgegangen. Sorry auch an alle, die mir nicht auf Facebook oder Instagram folgen, aber jeden Tag voll gespannter Erwartung hier auf meine Seite schauen. (Falls es Euch gibt, danke dafür.) Seltsame Zeiten, in denen man vor lauter Kampf ums wirtschaftliche Überleben die wichtigen Dinge des (Berufs-)Lebens komplett verpeilt. Hoffen wir, dass irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft das (kulturelle) Leben wieder seinen geregelten Gang gehen darf und ergo etwas Ruhe und Normalität einkehrt... Bleibt gesund und habt Euch lieb.

Viel passiert

13 Januar 2021

Zu Beginn des neuen Jahres möchte ich Euch an dieser Stelle kurz auf den aktuellen Stand bringen, was meine musikalischen Projekte angeht. Es tut sich viel, ich beschäftige mich so intensiv auf mehreren Ebenen mit meiner eigenen Musik wie lange nicht mehr und genieße das - ein willkommener Ausgleich für den Druck, unter den aktuellen Bedingungen und angesichts der vollkommen unzureichenden "Hilfsmaßnahmen" der Regierung als Musiker seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen.
Gemeinsam mit Dirk Schattner habe ich, ermöglicht durch das Stipendium der Stadt Gelsenkirchen, die Arbeit an einem neuen Musical begonnen. Wir haben nun fünf Lieder in ersten Fassungen fertig, die als vollständig instrumentierte, von mir eingesungene Demos vorliegen und den musikalischen und stilistischen Ton für das neue Stück definieren. Eine wichtige Vorarbeit, und die ersten Reaktionen sind vielversprechend. Wir werden diesen Weg weiterverfolgen und mit diesen ersten Songs im Rücken dieses Musical weiterentwickeln. Parallel dazu arbeiten wir aber auch an der neuen Fassung unseres 2016 in Bayreuth in einer ersten Fassung ausprobierten "Friedelinds Wahnfried". Es gibt eine neue inhaltliche und personelle Ausrichtung, ein paar neue Lieder und einen neuen Titel. Unser Plan ist, in diesem Frühjahr zunächst (sofern die Corona-Bedingungen es zulassen) ein internes Reading durchzuführen, um das überarbeitete Material zu testen, und dann das Stück Theatern und Produzenten vorzustellen. Mehr zu beiden Musicalprojekten dann hier zu gegebener Zeit. ;-)
Gleichzeitig arbeite ich natürlich weiter an meinem neuen Album und konzipiere das Bühnenprogramm für meine Band und mich, das wir irgendwann, wenn Live-Konzerte wieder möglich sind, für Euch spielen wollen. Dafür überarbeite ich auch ein paar ältere Songs und verpasse ihnen neue Bandarrangements. Für die CD sind derzeit sieben Songs aufgenommen, weitere sind in Vorproduktion. Gleichzeitig entstehen immer noch neue Songs. Wie viele letztendlich auf dem Album landen werden, wird sich zeigen. Aktuell stellen wir Bildmaterial aus unseren jeweiligen Heimstudios für ein Video zusammen, mit dem wir bald einen Vorboten der Platte veröffentlichen wollen. Es geht also weiter. Bis dahin: Bleibt gesund!

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