Der alte Sänger

Er stellt das Radio aus und wirft es aus dem Fenster.
Er braucht es doch nicht mehr, es ist ihm viel zu laut.
Nur noch Lieder ohne Sinn und Verstand, geklont und geklaut,
lauter seelenlose, blasse Lärmgespenster.

Wie schön war damals die Zeit, als er selbst auf der Bühne stand,
er trat vor den Vorhang, dann Stille, das Publikum wie gebannt.
Und wenn er sang, dann verzauberte er,
ausgeblendet die Welt ringsumher.
Mit nur einem Chanson, einem einzigen Lied
hat er Wunder bewirkt, hat er Funken versprüht.

Der entrückte Zauberton
von Klavier und Saxophon,
der beseelte Wunderklang
von durchlebtem Liedgesang,
die fragile Poesie
einer leisen Melodie,
einer zarten Harmonie,
wie vermißt er sie!

Er denkt: "Was man heute spielt, ist nur höherer Flachsinn.
Hauptsache laut und schnell, der König ist der Markt.
Süchtig nach dem schnellen Geld, Herz und Hirn im Abseits geparkt.
Ich bin ausrangiert, nur weil ich absatzschwach bin."

Ganz zaghaft setzt er sich an seinen Flügel, nur noch einmal
die Tasten zum Singen zu bringen mit Liedern nach seiner Wahl.
Er hebt die Stimme, sie trägt ihn weit fort,
Melodien sein Schatz und sein Hort.
All das Lärmen ist endlich verstummt, nicht mehr da,
und es ist wieder so, wie es früher mal war.

Auf den Tönen fliegt er weit
über Grenzen, Raum und Zeit,
wie berauscht von diesem Klang
blüht noch einmal sein Gesang,
die fragile Poesie
einer leisen Melodie,
einer zarten Harmonie,
die verläßt ihn nie.

Text & Musik: Mario Stork © 2005 by Mario Stork